Sonderausstellung
„Umbruchzeit – Die 1960er und 1970er Jahre auf dem Land“
Seit dem 9. September ist im Eingangsgebäude des Fränkischen Freilandmuseums Fladungen ein ganz besonderes Ausstellungsprojekt eröffnet. „Umbruchzeit. Kultureller Wandel im ländlichen Raum zwischen 1960 und 1975“ heißt die Sonderausstellung, die bis zum 31. Oktober 2012 zu sehen ist.
„Abbruch – Aufbruch – Umbruch“ Alle drei Begriffe kennzeichnen diese Zeit, in der die Dorfdisko Jimi Hendrix spielt, der Supermarkt den Kaufmannsladen verdrängt und der Bungalow neben dem Bauernhaus glänzt. Das Wirtschaftswunder ist vorbei, doch der Wohlstand verändert mehr als zuvor: Neue Moden, neue Wohn- und Lebensweisen, neue Mobilitätsformen geben dem ländlichen Raum ein neues Gesicht. Der Wandel in der Landwirtschaft Den Schwerpunkt der in Fladungen gezeigten Ausstellungseinheit bildet die Veränderung der ländlichen Arbeitswelt. Ausgangspunkt ist dabei die Entwicklung im näheren dörflichen und kleinstädtischen Umfeld des nördlichen Unterfranken. Dabei sollen drei klassische ländliche Berufssparten näher betrachtet werden: Landwirtschaft, Handwerk sowie Handel und Gewerbe.
Der Wandel in der Landwirtschaft lässt sich an vielen äußeren Merkmalen ablesen. Als ein Beispiel unter vielen seien hier nur die Aussiedlerhöfe genannt. Ihre Errichtung geschah schließlich nicht von ungefähr, sondern war sichtbarer Ausdruck eines grundlegenden wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Wandels in dieser Zeit. Eines Wandels, der dazu führte dass sich die dörfliche Arbeitswelt immer mehr von der dörflichen Lebenswelt trennte. Die Anforderungen der Moderne begünstigten eine Entwicklung des „Wachse oder weiche“. Der typische unterfränkische Bauernhof, eingezwängt in eine ohnehin enge Dorfbebauung war an seinem Standort nicht mehr konkurrenzfähig. „Der klassische Bauernhof innerhalb des geschlossenen Dorfes hatte ausgedient.“ Laut Heinrich Hacker M.A., der die Ausstellungseinheit in Fladungen federführend konzipiert und betreut, wurde er sogar „wegen der Geruchsbelästigung und der ständigen Verschmutzung der gerade neu angelegten Straßen für die Nachbarn zum Ärgernis.“ „Mit den technischen Neuerungen in der Landwirtschaft“, so Hacker, „änderten sich auch die tägliche Arbeit des Bauern, der Bäuerin und damit die traditionelle Rollenverteilung. Die Bäuerin in der Nebenerwerbslandwirtschaft trug nun tagsüber alleine die Verantwortung. Neben dem Haushalt und der Kindererziehung musste Sie auch noch den Großteil der täglichen Stallarbeit, zum Beispiel in der Milchviehhaltung, verrichten.“
Der Wandel des Landhandwerks
Schon das Nachkriegsjahrzehnt hatte bereits ganze Berufsgruppen des ländlichen Handwerks weggefegt, darunter so traditionsreiche Berufe wie Büttner, Töpfer, Schuster und Schneider. Deren Handwerk war durch die fabrikmäßige Massenproduktion in größeren Städten ersetzt worden. Nun mussten sich auch die noch verbliebenen klassischen Handwerksbetriebe der Maurer und Putzer, der Wagner, Schmiede und Dorfschreiner den neuen Zeiten anpassen wenn sie überleben wollten. Bauunternehmen boomten, Wagner verlegten sich auf Reifenservice und –handel und lieferten, wie die Fladunger Firma Erich Nagell, ein Beispiel für die Anpassungsfähigkeit und Vielseitigkeit der Landhandwerke sowie für die Motorisierung der ländlichen Bevölkerung.
Die neue Warenwelt auf dem Land
Mit der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur kam die moderne Warenwelt in die Dorfläden. Außerdem schlossen sich immer mehr Einzelhändler Großhandelsketten wie Edeka, IGROS und Konsum an. Typisch für diese Zeit war auch das Aufkommen von Quelle, Neckermann, Otto und Co. Sie lieferten ihr umfangreiches Warenspektrum per Post in jeden Haushalt. Alles war nun auch auf dem Dorf verfügbar.
Die dörfliche Jugendkultur
Abschließend steht die dörfliche Jugendkultur im Fokus der Ausstellung, die entscheidend durch neue Mobilitätsformen und die Massenmedien beeinflusst wird. Die Dorfjugend bewegt sich fortan zwischen Tradition und Moderne, zwischen Kirchweihtanz und Dorfdisko. Das Foto zeigt die Musiker der Band „The Brittles“, die legendären „Urgestein der Rock- und Popmusik in Rhön und Grabfeld“, als „coole Jungs“, aufgenommen auf einem Schrottplatz im Jahr 1966.
Dauerausstellungen
"Farbenprächtige Schätze – Unterfränkische Truhen im Wandel der Zeit"
Das Fränkische Freilandmuseum Fladungen zeigt ein weiteres Stück Kulturgeschichte im Detail. Im Wohnstallhaus Oberbernhards wird die von der Kunsthistorikerin Dr. Karen Schaelow-Weber aus Leubach konzipierte Dauerausstellung "Farbenprächtige Schätze – Unterfränkische Truhen im Wandel der Zeit" gezeigt.In einer Stellungnahme erläutert Schaelow-Weber die geschichtlichen Hintergründe der Ausstellung: "Seit den antiken Ägyptern und Griechen dienen Truhen zum Aufbewahren "wertvoller" Dinge. Die Truhe gilt damit als ältestes Behältnismöbel. Relativ einfach konstruiert, werden Truhen von Landschreinern bis in das 19. Jahrhundert hinein angefertigt.
Die Ausstellung präsentiert Truhen aus den reichen Möbelbeständen des Museums. In Unterfranken und den angrenzenden Gebieten Thüringens und Hessens entstanden, geben die gezeigten Objekte einen Eindruck von den sich wandelnden Moden der Möbelausgestaltung. Meist orientiert sich der Schreiner an den Vorbildern der höfischen und bürgerlichen Möbelkunst. So finden Formen der Renaissance zeitverzögert ihren Abglanz in den reliefierten oder bemalten Truhen des 16./17. Jahrhunderts.
Das 18. Jahrhundert bevorzugt farbenprächtige Fassungen, aber auch die mit Farbe aufgetragene Maserierung in Nachahmung kostbarer Holzarten. Im 19. Jahrhundert wird die Truhe einfacher, hat ihr doch die im 18. Jahrhundert neu aufgekommene Kommode mittlerweile den Rang abgelaufen. Als leicht transportable Koffertruhe oder schlicht gearbeitete "Flößertruhe" erlebt sie eine letzte Blüte als Reisemöbel oder im Besitz von Dienstboten.
Sonderformen wie Stollen- und Pfostentruhen – u.a. die in Hessen verbreiteten, altertümlichen "Rhöner Mehltruhen" – finden sich neben den beliebten Bogen- und Feldertruhen. Mit reicher Malerei, meist mit Blumen, verziert, erleichtern Jahreszahlen die chronologische Einordnung. Die selbstbewusst wiedergegebenen Namen der Erstbesitzer lassen spüren, dass diese Möbel einst hohe Wertschätzung genossen. Kleine Beiladen im Inneren, zum Teil mit versteckten Geheimfächern ausgestattet, enthielten Wertsachen, Briefe, Schreibzeug und anderes mehr. Die in der Herstellung aufwändigen und somit teuren Textilien wurden sorgfältig am Grund der Truhe gestapelt. Geschützt vor tierischen Schädlingen konnten in Futtertruhen auch Mehl und Getreide trocken gelagert werden.
Wenn auch die Truhen als altmodisch und unpraktisch nicht mehr geschätzt wurden, wurden sie zum Glück nicht immer zerschlagen und verheizt. Viele fristeten seither ihr Dasein auf Dachböden, in Ställen oder Werkstätten. Neu bemalt konnte aber auch ein altes, ungeliebtes Stück wieder gewinnen. Nicht selten verweisen mehrere Farbschichten auf diese Art der Renovierung. Weniger glücklich erscheint dagegen die "Ablaugwelle", der auch heute noch zahlreiche Möbel zum "Opfer" fallen. Während Möbel aus edlen Laubhölzern oder mit besonderer Maserung allein durch ihr Holz wirken, gehört die Farbfassung fest zum einfachen Nadelholz.
Wie die hier gezeigten Beispiele vor Augen führen, hilft die Farbfassung bei der zeitlichen Einordnung. Ist diese erst einmal abgelaugt, sind mit ihr wichtige Indizien für immer verloren.
"Farbenprächtige Schätze" wird als Dauerausstellung im ersten Stock des Wohnstallhauses aus Oberbernhards gezeigt. "Zum einen tragen wir auf diese Weise den Bedürfnissen der Besucher Rechnung. Diese hatten in der Vergangenheit wiederholt die – aufgrund von fehlenden Befunden – spärliche Einrichtung der oberen Räume kritisiert. Zum anderen stellt diese kulturgeschichtliche Ausstellung natürlich eine weitere Bereicherung des Museums dar" so die Museumsleitung.
Von Ackergäulen und Spannkühen in der Rhön
Die Dauerausstellung "Arbeitstiere – Von Ackergäulen und Spannkühen in der Rhön" wird im Stall Herbstadt im Fränkischen Freilandmuseum gezeigt, der damit auch offiziell den Besuchern zugänglich gemacht wird.Der alte Großviehstall steht hier stellvertretend für die Stallungen, als wichtigste Nebengebäude innerhalb des Bauernhofes. Ausgehend vom Gebäude ergibt sich folgende thematische Aufteilung. Im linken Raum, dem mit Holzboden und Krippe versehenen Pferdestall, befinden sich Schrift- und Bildtafeln zum Thema "Pferdestärken". Im mittleren Raum, dem Ziegenstall, steht ein extra gefertigter "Hörstuhl", auf dem Besucher Platz nehmen und sich, rein akustisch, auf das "tierische" Zusammenleben einlassen können. Zu Gehör kommen Interviews über den täglichen Umgang mit Pferden und Rindern, wie er in der Rhön noch bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts üblich war.
Im rechten Raum schließlich, dem Kuhstall, befindet sich die Großplastik einer Kuh in Originalgröße mit kompletter Pfluganspannung. Ergänzt wird sie durch vier Plastiken von Rinderköpfen mit den unterschiedlichen historischen Jochformen: "Vom Doppelnackenjoch zum Stirnjoch". Schrift- und Bildtafeln erläutern die klassische Mehrfachnutzung des Rindes.
Betrachtet man auf einer historische Fotografie um das Jahr 1900 eine belebte Dorfstraße und die aktuelle Fotografie einer Dorfstraße, fallen einem zwei Dinge auf. Zum einen sind die einst gebräuchlichen Nutztiere gänzlich aus dem Straßenbild verschwunden und zum anderen hat sich die "Fließgeschwindigkeit" der Menschen und Dinge innerhalb von hundert Jahren deutlich erhöht. Beides weist auf einen grundsätzlichen Wertewandel im Verhältnis von Mensch und Tier hin. So hat das Pferd beispielsweise einen grundlegenden Funktionswandel erfahren: vom wichtigsten und stärksten Reittier, über den "Hafermotor" in der industriellen Übergangsphase bis hin zum "Sportgerät" der modernen Reiterei.
„Armut, Hunger, Bomben und Vertreibung - Ein Mietshaus auf dem Land 1947 – 1950“
Die Hofstelle, die Ausstattung des Wohnhauses und die themenbezogene Ausstellung im Dachgeschoß repräsentieren ein Stück Zeitgeschichte in den frühen Nachkriegsjahren.Den Auskünften ehemaliger Bewohner ist es zu verdanken, dass für die Jahre 1947 bis 1950 Nutzung und Einrichtung äußerst genau rekonstruiert werden konnten. Zu dieser Zeit bewohnten vier Familien mit insgesamt 15 Personen das zweistöckige Wohnhaus.
Die Ausstattung der Räume wird ergänzt durch lebensgroße, stilisierte Figuren, die die ehemaligen Bewohner darstellen sollen. Sie vermitteln dem Besucher einen Eindruck von der drangvollen Enge in den einzelnen Gebäuden.
Die Dokumentationsausstellung im Dachgeschoß thematisiert die Geschichte des Dorfes Rügheim in den Nachkriegsjahren und die Biografien der Hausbewohner. Der zweite Teil behandelt die speziellen Techniken der Gebäudeübertragung und die Dokumentation der Gebäudeeinrichtung.
Zum ersten Mal wurde in einem deutschen Freilichtmuseum versucht, das zeitgeschichtliche Thema Vertreibung, Flucht, Evakuierung, Armut und Not an und in einem historischen Bauernhaus aufzuzeigen.